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Isar-Anzeiger, 1. Oktober 1999
Mit "Samurai - Tours" nach Neustadt
Grünwalder Kinder- und Jugendkarate fährt zum 8. Sommerlager an die Ostsee
Seit Thomas Lehnert und Max Obermaier vor zwei Jahren das erste Mal dorthin fuhren und
vom hervorragenden Trainingsangebot begeistert zurückkamen, ist für uns die
Teilnahme fast schon obligatorisch. Diesmal machten wir uns zu siebt auf die 900 km
lange Reise nach Neustadt in Holstein, das man nach 13 Stunden Fahrt im
"Samurai-Bus" (dem Jugendbus des TSV) dann auch endlich erreichte.
Statt Ruhe und Erholung von der Fahrt ging es aber gleich weiter: Anmelden und Zelte
aufbauen. Zwar wurde auch die Übernachtung mit Schlafsack in der Halle angeboten,
jedoch war das Campen auf der Wiese nebenan um einiges angenehmer. In der Halle konnte
man nämlich sehr schnell feststellen, wie schweißtreibend Karate doch sein kann.
Zu den fünf Trainingstagen vom 16.8. bis 20.8. waren insgesamt rund 500
Teilnehmer verschiedener Stilrichtungen, vor allem Shotokan und Wado Ryu, aus ganz
Deutschland angereist.
Die Trainingseinheiten waren systematisch und nach Alter, Können und
Schwerpunkten gegliedert, so daß sich jeder seinen persönlichen Trainingsplan
zusammenstellen konnte. Morgens wurde beispielsweise Za-Zen zur Meditation angeboten,
danach entweder Katatraining, Schlagtraining oder Prüfungsvorbereitung. (Eine Kata
ist ein Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner, wobei die Techniken exakt vorgegeben
sind.) Während dies alles eher als Zusatzangebot galt, war für den Vor- und
Nachmittag jeweils eine Art Pflichtprogramm geboten.
Gleich die erste Trainingseinheit der Grün- und Violettgurte übernahm
Deutschlands Karatepionier Albrecht Pflüger (6. Dan Shotokan). Seine Prüfung
zum ersten Dan (1. Schwarzgurt) legte er vor über 20 Jahren in Japan bei hoch
angesehenen Meistern ab und ist auch in anderen Kampfkünsten zu Hause. Die leider
sehr kurze Gelegenheit nutzte er dazu, um auf die Kampfkünste und deren Ursprünge
selbst einzugehen. Dabei zeigte er Anwendungen aus den Kata und deren Bedeutung in der
Selbstverteidigung. Weiterhin ging er auf die vor allem von Laien immer wieder gestellte
Frage ein, welcher Kampfsport denn nun die Beste sei: Keiner. Jede Kampfkunst, ob nun
Karate, Judo, Ju-Jutsu, ... ist ein in sich schlüssiger Kampfstil. Im Falle der
Selbstverteidigung ist die Technik die Beste, die funktioniert. Sollte ein Hebel (Aikido)
oder Schlag (Karate) nicht klappen, so kann man ohne weiteres einen Wurf (Judo) ansetzen
oder einen zweiten Schlag tätigen. Der Kampfsportler hat hier die freie Wahl.
Der heimliche Star des ganzen Sommerlagers war wohl Geoff Thomtson (5. Dan Wado Ryu).
Der Südafrikaner beeindruckte wie schon im letzen Jahr durch Perfektion von Eleganz,
Geschwindigkeit, Dynamik und Hüfteinsatz. Dabei störte es niemanden, daß er fast
nur Englisch sprach, denn er verstand es perfekt den maximalen Einsatz aus den Teilnehmern
herauszuholen. Er brach dabei aus gewohnten Trainingsmethoden aus und baute sein Training
sehr gut durchdacht auf. Geoff Thomtson wird unter Insidern als der zu Zeit weltbeste
Karateka gehandelt.
Ein weiteres Highlight war die Trainingseinheit mit Pat Mc Kay (3. Dan Shutokai). Der
fünffache Weltmeister aus Schottland trainierte mit uns natürlich Kumite, den
Kampf mit dem Partner. Besonders wichtig war ihm dabei die Dynamik: Schnelle
Angriffstechniken und Kombinationen waren sein Ziel, ganz im Gegensatz zu seinem Freund
und Kollegen Ralf Brachmann (3. Dan Shotokan). Als ehemaliger hessischer Landestrainer
und mehrfacher Deutscher Meister legte er besonderen Wert auf die Nachbereitung der
Technik, denn man kann nie sicher sein, ob ein Treffer auch die gewünschte Wirkung
erzielt hat, und nicht doch noch ein Gegenangriff kommt. Nicht nur im Wettkampf, sondern
auch auf der Straße kann dies von enormer Bedeutung sein.
Auch Wolf-Dieter Wichmann (6. Dan Shotokan) gilt als ein Karateka der ersten
Generation in Deutschland. Sein Wissen um die exakte Ausführung einer Kata, den
Techniken und deren Anwendungen ist immer wieder erstaunlich und vielfältig. Die schon
enorme Konzentration im normalen Training steigert er oft dadurch, indem er Katas
rückwärts oder/und spiegelverkehrt machen läßt. In die Reihe der
Katatrainer reiht sich Simone Schreiner (3. Dan Shotokan) ein. Als Europameisterin 1991
verstand sie es, den Teilnehmern nicht nur die Wettkampfaspekte einer Kata näher zu
bringen, sondern zeigte auch traditionelle Interpretationen in Verbindung mit enormem
Hintergrundwissen auf.
Wolfgang Hagge (4. Dan Shotokan) ist Landestrainer von Schleswig-Holstein und
Organisator des Sommerlagers. Sein Training orientierte sich dieses Mal am
Prüfungsprogramm der Mittelstufe. Koordiniertes Training, Kondition und Training mit
dem Partner (und nicht gegen ihn) waren seine Ziele.
Zwischen und nach den Trainingseinheiten sorgten die Veranstalter immer wieder für
Kurzweile. Angeboten wurden diverse Seminare wie zum Beispiel der Kampfrichter Lehrgang
oder das Seminar "Juristische Aspekte der Selbstverteidigung". Bei letzterem
schaffte es der Referent, die oft sehr trockenen Gesetzestexte auch für den Nicht -
Juristen anhand wahrer Begebenheiten sehr anschaulich und spritzig wiederzugeben.
An zwei Abenden wurde der "Ostseepokal" ausgetragen. Spannende Wettkämpfe
und sehr gut ausgeführte Katas sorgten für Stimmung unter den Teilnehmern wie
Zuschauern.
Eine oft unterschätzte Fähigkeit der Karateka ist das Feiern. Wie auch schon
die letzten Jahre gab es deshalb eine Begrüßungs- und eine Abschiedsparty, auf
der sich Trainer und Teilnehmer bis in die frühen Morgenstunden amüsierten und
erneut zahlreiche Freundschaften geschlossen werden konnten.
Trotz dieser anstrengenden fünf Tage fiel uns der Abschied schwer, denn wir hätten
gerne noch mehr Wissen mit nach Hause genommen. Nichtsdestotrotz sind wir nun vollends
für unseren neuen Anfängerkurs am 14. Oktober gerüstet. Hier haben Kinder
und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 15 Jahren Gelegenheit, die Grundlagen des Karate zu
erlernen.
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